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ROLAND
GALLE
BILDUNG
UND POSTMODERNE |
Der
Begriff „Bildung“ nimmt in der aktuellen kulturpolitischen
Diskussion eine Sonderstellung ein. Die Pisa-Studien haben die Verve,
mit der über Grundlagen, Inhalte und Ziele von Bildung
gestritten wird, noch einmal intensiviert, ausgelöst haben sie
diese Bewegung aber keineswegs. Geht es im Kontext der laufenden
Diskussion lediglich um eine funktionsorientierte Konzeption von
Bildung, um die Ermöglichung von Fähigkeiten, die für
geeignet gehalten werden, den ökonomischen und technischen
Herausforderungen der Zeit gerecht zu werden, so ist die damit
gegebene Einengung des Bildungsbegriffs selbst schon Symptom der
Krise, die so heftige Wellen schlägt. Man wird, pauschal
gesprochen, kaum fehlgehen mit der Vermutung, daß die
inflationäre Vielfalt der Auseinandersetzung über den
Bildungsbegriff mit dem sukzessiven Verlust verbindlicher
Rahmenbedingungen und als selbstverständlich akzeptierter
Vorgaben gesellschaftlicher Symbolik zusammengeht und in diesem
Verlust auch eine ihrer Ursachen hat. Gerade der Mangel an
unbefragter Orientierung produziert ein Übermaß an
Eingaben sowie Erneuerungs- und Verbesserungsvorschlägen. Diese
epochenspezifischen Bedingungen sind unserer Zeit eingeschrieben und
stehen nicht wirklich zur Disposition. Das heißt: Es ist eine
Entwicklung nicht absehbar – und schon gar nicht wünschbar –,
die eine Rückkehr zu einem allgemein verbindlichen und homogen
ausgerichteten Bildungskonsens in Aussicht stellen könnte. Ein
besonders deutliches Erkennungsmal für diese Situation unserer
Zeit ist an dem Umstand abzulesen, daß sie sich den Titel
„Postmoderne“ als besonders treffende Signatur hat zulegen
können.
Kann
als kleinster gemeinsamer Nenner für ein adäquates
Verständnis von Postmoderne die „Pluralität“ angesehen
werden,
so wird mit diesem Stichwort auch angezeigt, wie wenig ein kohärentes
und zielorientiertes Bildungsideal der Gegenwart wirklich abverlangt
werden kann. Indem Pluralität – nicht nur via Postmoderne –
als konstitutiv für die Haupttendenzen unserer Zeit zu
betrachten ist, wird auch deutlich, daß äußerst
ausdifferenzierte, in sich komplexe und auch widersprüchliche
Interessen gleichsam notwendigerweise den Bildungsbegriff für
sich in Anspruch nehmen.
Gegenstand
der weiteren Darlegungen wird zunächst der Aufweis sein, daß
diese postmoderne Konstellation eine signifikante Vorgeschichte in
der Moderne hat. Sie scheint mir durch eine diversifizierte
Schwerpunktsetzung gekennzeichnet zu sein, die ihrerseits an dem
Umstand festmachbar ist, daß der Terminus „Bildung“ – vom
späten 19. Jahrhundert an – offenbar nicht mehr als
aussagekräftig für sich selbst betrachtet wird, sondern
entweder einer spezifischen attributiven Ergänzung bedarf oder
aber als Komplementärbegriff fungiert. Der Begriff Bildung,
heißt dies, ist von dieser Zeit an partialisiert und schreibt
so (in attributiver Ergänzung) entweder Kompetenzen fest, die
jeweils als entscheidend angesehen werden oder aber bewahrt (als
Komplementärbegriff), eine generelle Korrektivfunktion, in
welcher sich das Fortleben des ursprünglich homogenen
Bildungskonzepts immerhin noch ablesen läßt. Wird auch
erkennbar, daß die Gesellschaft insgesamt nicht mehr von der
Vorstellung einer einheitlichen Bildungskonzeption getragen zu werden
vermag, die so skizzierbare Moderne unterscheidet sich hinsichtlich
unseres Gegenstands, so läßt sich tentativ formulieren,
dadurch von der Postmoderne, daß in ihr für die je
partialisierten Bildungssektoren doch noch ein (in unserer Zeit
aufgegebener) primärer und verbindlicher Anspruch aufrecht
erhalten wird. In weiteren Schritten soll dann ein Rückgriff auf
die Zeit (spätes 18./frühes 19.Jh.) gemacht werden, in
welcher der Bildungsbegriff seinen Siegeszug angetreten hat. Nur
paradigmatisch kann darauf abgehoben werden, daß in dieser
frühen und intensivsten Entfaltung der Bildungsidee einerseits
eine homogene Konzeption entworfen wird, andererseits aber auch
dieser Phase bereits fundamentale Infragestellungen von homogenen
Entwürfen eingeschrieben sind.
1.
Nähert
man sich dem Begriff „Bildung“ von außen, als Beobachter
und Spurensucher seines Erscheinens im gesellschaftlichen Diskurs, so
fällt als erstes wohl auf, daß er immer auch Indikator
ganz bestimmter Zeitläufte ist. Eine Sequenz von (beliebig
erweiterbaren) Buchtiteln kann dies illustrieren. In einem durchaus
schlichten Sinne ist der Titel Bildung über Computer?
als eine Veröffentlichung der neueren Zeit zu erkennen. Durch
das Fragezeichen aber, das dem Titel angefügt ist, wird
deutlich, daß der Titel auch wieder nicht aus allerneuester
Zeit stammt, denn wer unter den derzeitigen Bildungstheoretikern
würde noch anzuzweifeln wagen, daß der Computer dem, was
gemeinhin unter Bildung verstanden wird, zuträglich und
förderlich ist. Ein Titel wie Aufstieg durch Bildung
wiederum ist unschwer den sechziger oder siebziger Jahren und dem
damals vertretenen politischen Programm der SPD zuzuordnen. Man kann
in ihm u.a. die Antwort sehen auf eine wissenschaftliche Arbeit aus
dem Jahre 1957, die den Titel trägt: Bildung und Verteilung
des Volkseinkommens.
Beide Titel wären im 19. Jahrhundert undenkbar gewesen, in den
zwanziger Jahren könnte man allerdings ebenfalls schon auf den
sozialpolitischen Blick, von dem sie getragen sind, stoßen.
„Berufliche Bildung“ ist – entsprechend – ein Titel, der in
der Nachkriegszeit seine größte Konjunktur hat, bis heue
aber eine Dauerwendung geworden ist. Überboten noch von dem
Begriff der „Weiterbildung“, der geradezu zu einem Programm
unserer Tage avanciert ist. Das eigentliche Schlüsselwort, das
in den Nachkriegsjahrzehnten erst Schule gemacht hat, ist aber die
Wendung von der „politischen Bildung“. Die von uns konsultierte
Suchmaschine (abebooks.de) liefert allein zu diesem Stichwort über
1.000 Buchtreffer und dürfte dabei nur einen kleinen Ausschnitt
der tatsächlichen Publikationen zu diesem Stichwort erfassen. Es
gibt seit den frühen achtziger Jahre regelmäßige
Forschungsberichte über die Arbeiten, die zur „politischen
Bildung“ erschienen sind.
Ganz offensichtlich ist hier der Begriff auch schon das Ziel: Es geht
darum, über den Begriff der „Bildung“ politische
Bewußtseinsveränderungen zu initiieren, die im
Kulturbetrieb als Desiderat ausgemacht werden. Jedenfalls ist die
Konjunktur des Begriffs „politische Bildung“ wie keine zweite
Wendung an die Nachkriegsentwicklung gebunden. Interessant ist
freilich, daß diese Konjunktur bis auf den heutigen Tag anhält,
gleichsam ein Selbstläufer ist. Neben solchen omnipräsenten
Kombinationen finden sich aber in der konsultierten Titelliste auch
Unikate. So geläufig natürlich die Rede von der
„humanistischen Bildung“ ist, mit der bezeichnet wird, daß
diejenigen, die an ihr teilhaben, Latein und Griechisch gelernt haben
und also die antike Kultur kennen, so eigenartig, befremdlich und
wohl an einen sehr bestimmten Zeitpunkt gebunden ist die Wendung von
der „humanen Bildung“. Gestolpert jedenfalls bin ich über
den Titel Lesebuch zur Förderung humaner Bildung.
Man fühlt sich unmittelbar provoziert zu der Frage: Gibt es denn
auch eine ‚unhumane Bildung’, gar ein Programm zu einer
‘unhumanen Bildung’? Das Erscheinungsjahr des angeführten
Lesebuchs – 1947 – führt dann jedenfalls vor Augen, daß
die Frage so rhetorisch nicht ist. Offensichtlich hat man bei dem
Erscheinen dieses Lesebuchs die Zeit des Nationalsozialismus als Zeit
eines Drills zur Inhumanität vor Augen und formuliert daher die
vielleicht doch nur scheinbar tautologische Wendung von der
„Förderung humaner Bildung“. Und in der Tat finden sich im
Schatten des dritten Reiches Buchtitel, die dieser Zeit vorbehalten
sind. So erscheint schon 1930 von W. Hartnacke, der 1933 zum ersten
nationalsozialistischen Bildungsminister von Sachsen aufsteigt:
Naturgrenzen geistiger Bildung,
eine Untersuchung, die die vermeintlich erbbedingte Begrenzung von
Begabung und eine davon abgeleitete Polemik gegen die demokratische
Bildungspolitik der Weimarer Zeit zum Gegenstand hat. Weitaus
aggressiver noch gibt eine Publikation aus dem Jahr 1943, die den
Titel Deutsche Bildung im Kampf um Begriff und Gestalt unseres
arteigenen Menschentums trägt, den Geist oder vielmehr
Ungeist der Zeit zu erkennen.
Hier hat offensichtlich der Kampf um das großdeutsche Reich das
Bildungsstreben der deutschen Klassik abgelöst. Demgegenüber
ist die Weimarer Republik, ich habe das schon angedeutet, in vielen
Nachkriegsarbeiten, allerdings abgeschwächt, präsent
geblieben. Markenzeichen sind die Reform-Pädagogik dieser Zeit,
wie sie sich etwa in dem Titel Unser Pestalozzi. Ein Kämpfer
für Freiheit und Bildung des Volks niederschlägt.
Wenigstens mit einem Titel will ich noch auf das späte 19.
Jahrhundert, die Zeit der Industrialisierung also, eingehen und auch
darauf, wie sehr im Wilhelminismus der Gedanke der Bildung –
tendenziell zumindest – aus der politischen Lebenssphäre
herausgelöst worden war. A. W. Grube veröffentlichte 1859
die in der ganzen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts äußerst
erfolgreichen Briefe an eine Jungfrau über die
Hauptgegenstände der Ästhetik.
Nicht weniger deutlich als der Titel gibt ein Passus aus dem Vorwort
die Zeit der Entstehung zu erkennen, wenn es heißt: „Es sind
Briefe, geschrieben an ein junges Frauenzimmer, das des Verfassers
Schülerin war; sie können aber auch jedem anderen nach
Bildung strebenden Mädchen nützlich sein, weil sie
Anleitung geben, ohne Gefahr im Gebiete des Schönen heimisch zu
werden.“ Die Welt der Männer, so darf man hier zwischen den
Zeilen lesen, ist die des Ernstes und der Gefahr, die der Frauen
gehört zu einem lebensabgewandten Reservat, in dem risikolos,
vor allem auch für die Gesellschaft risikolos, Bildung gepflegt
werden kann.
2.
Die
angeführten Titel demonstrieren insbesondere die zeitbedingte
Funktionalisierung von Bildung. Wenn es darum geht, einen eventuell
zeitresistenten Gehalt des Begriffs „Bildung“ zu gewinnen, so ist
es aussichtsreicher, über die hier herangezogene Titelgebung
einen Einblick in das Spannungsverhältnis, in welchem der
Bildungsbegriff gesehen wird, zu erproben. Erkennbar wird dieses
Spannungsverhältnis vor allem an den Zusammenstellungen, in
welchen der Terminus „Bildung“ erscheint. Wir erwarten durchaus
die (nun tatsächlich rekurrente) Kombination „Wissenschaft und
Bildung“ (233x) , fast so alt, wie die allgemeine Durchsetzung des
Bildungsbegriffs selbst und bis auf den heutigen Tag äußerst
präsent. Noch häufiger stoßen wir aber auf „Bildung
und Technik“ (652x), weniger oft, aber gleichwohl auf „Glaube und
Bildung“ sowie auf das vergleichbare „Religiöse Verkündigung
und Bildung“. Sehr häufig ist natürlich „Bildung und
Beruf“, vorkommen tut auch „Bildung und Zeitgeist“ sowie –
wenn auch als singulärer Titel – „Bildung und Herrschaft“.
Spätestens dieser Titel führt auf die Intrikatheit, die dem
verbindenden ‚und’ innewohnt und auch schon für die
vorangehenden Titel gilt. Was heißt eigentlich „Technik und
Bildung“ oder „Bildung und Wissenschaft“? Soll angezeigt
werden, daß die „Bildung“ der Wissenschaft bedarf, um als
Bildung ernstgenommen zu werden? Oder soll es vielmehr heißen,
daß die „Wissenschaft“ nur dann, wenn sie das Korrektiv der
(normativ gefaßten) Bildung in sich trägt, als
Wissenschaft gerechtfertigt ist? Oder wird hier auf eine Dissoziation
angespielt, in dem Sinne, daß „Bildung“ und „Wissenschaft“
faktisch auseinandergetreten sind und auf eine Versöhnung auch
nicht ohne weiteres zu rechnen ist?
Die
Problematik, die mit diesen unterschiedlichen Lesarten in den Blick
rückt, ist kapital. Sie führt ins Zentrum des
Bildungsgedankens, wie er an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in
der Weimarer Klassik entwickelt worden ist. Diesem Bildungsgedanken
nämlich liegt zugrunde, daß die Welt als dissoziierte
erfahren wird, der „Bildung“ aber zugemutet oder gar zugetraut
wird, die erfahrene Entzweiung zu überwinden. Dieser
ursprüngliche (durchaus pathetische) Impetus des
Bildungsbegriffs ist heute kaum noch zu erkennen. Er geht häufig
in den zeitbezogenen Instrumentalisierungen, die wir angeführt
haben, verloren, ist rudimentär aber in der Spannungsdimension,
die Kombinationen wie „Bildung und Technik“, „Bildung und
Wissenschaft“ „Bildung und Glaube“ bewahrt haben, noch
gegenwärtig. In ihm soll Partikularität abgewiesen und ein
die Menschennatur auf ideale Weise Verbindendes und Ganzheit
Schaffendes wiederhergestellt werden. Ich möchte nun im weiteren
vor allem diesen ursprünglichen Anspruch des Bildungsbegriffs
konturieren.
3.
Ich
will dies zunächst mit einem kurzen Rückgriff auf Schiller
und Hegel, dann mit einem Bezug auf Goethes Wilhelm Meisters
Lehrjahre tun. Ausgangspunkt von Schillers Argumentation ist die
geschichtsphilosophische und anthropologische Erfahrung der
Entzweiung. Auseinandergetreten sind Antike und Moderne, Sinnlichkeit
und Verstand, Stofftrieb und Formtrieb, Pflicht und Neigung,
Geschäftsgeist und abstraktes Denken. Keine andere von Schillers
theoretischen Konzeptionen nun ist so berühmt geworden wie sein
Begriff der „ästhetischen Erziehung“, die ihrerseits den
Bildungsbegriff der Zeit entscheidend mitbestimmt. Mit dem Konzept
der „ästhetischen Erziehung“ bezeichnet Schiller den
Königsweg zur Überwindung der als Grunderfahrung benannten
Entzweiung. Diese „ästhetische Erziehung“ ist keineswegs
voraussetzungslos. Die seit Baumgarten in den Blick genommene
Disziplin der Ästhetik mit der von ihr ermöglichten
Aufwertung der ‚cognitio sensitiva’ gehört ebenso in ihr
Vorfeld wie die Bildungsdiskussion der Zeit, für die Herder und
Kant entscheidend sind. Herder ist mitverantwortlich für die
folgenreiche organologische Metaphorik der späteren
Bildungsdiskussion. Er betont aber auch bereits: Humanität ist
uns „nur in Anlagen angebohren, und muß uns eigentlich
angebildet werden“.
Vor allem aber wird man zu den Vorbedingungen der „ästhetischen
Erziehung“ Rousseau zu zählen haben. Der von Rousseau stark
geprägte Schiller entwirft sein Konzept wohl nicht zuletzt als
Antwort auf den ersten Discours von Rousseau und die darin zum
Ausdruck gebrachte extreme Abwertung von Wissenschaft und Kunst.
Jedenfalls
wird von Schiller zuerst der Anspruch fokussiert, mittels der Kunst
eine Wirklichkeit zu schaffen, die geeignet erscheinen soll, die
verlorene Einheit der menschlichen Natur wiederzufinden: „Mitten in
dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten in dem heiligen
Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt
an einem dritten, fröhlichen Reich des Spiels und des Scheins,
worin er dem Menschen die Fesseln aller Verhältnisse abnimmt und
ihn von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen wie im
Moralischen, entbindet“.
Hier also fällt er: der Schlüsselbegriff des „ästhetischen
Spiels“ oder auch des „ästhetischen Scheins“. Im Spiel, in
der freien Dimension des Ästhetischen kann der Mensch gleichsam
einen Probelauf machen und vorgreifend eine Wirklichkeit erfahren,
die als Versprechen den Gang durch die Wirklichkeit selbst auch
mitprägen soll. Zur Funktion dieses ästhetischen Spiels hat
Habermas prägnant formuliert: „Wenn die Kunst die historische
Aufgabe, die mit sich zerfallene Moderne zu versöhnen, soll
erfüllen können, darf sie nicht nur die Individuen
ergreifen, sie muß vielmehr die Lebensformen, die die
Individuen teilen, verwandeln. Schiller setzt deshalb auf die
kommunikative, gemeinschaftsstiftende, solidarisierende Kraft, auf
den öffentlichen Charakter der Kunst.
4.
Auf
den ersten und auch noch auf den zweiten Blick kann man eine
Schlüsselszene aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre als
eine Einlösung eben dieser Schillerschen Konzeption der
ästhetischen Erziehung lesen. Ein solche Inbezugsetzung liegt
auch besonders nahe, weil ja bekanntlich Goethe und Schiller über
den Wilhelm Meister eine intensive Korrespondenz geführt
haben und eine weitreichende Übereinstimmung über
Grundfiguren des Romans erreicht haben oder erreicht zu haben
scheinen.
Die
Romanszene, von der ich ausgehen will, ist die große
Auseinandersetzung zwischen Wilhelm und Werner zu Beginn des 5. Buchs
von Wilhelm Meisters Lehrjahre.
Die beiden Jugendfreunde sind seit Jahren getrennt, Wilhelm hat
sich einer Theatertruppe angeschlossen und zieht mit ihr durch das
Land, Werner betreibt die Geschäfte des Vaters zielstrebig und
gewinnorientiert weiter. Zu Beginn des 5. Buches nun teilt Werner
Wilhelm mit, daß Wilhelms Vater gestorben ist. Werner, der
Wilhelms Schwester heiraten will, verknüpft diese Mitteilung mit
einer ganzen Reihe von wirtschaftlichen Plänen, die alle darauf
gerichtet sind, Profit und Besitz zu maximieren. Wilhelm selbst nun
sieht sich durch die neue familiengeschichtliche Situation und durch
das forsche Handeln Werners zu einer Lebensentscheidung
herausgefordert. Zu Werners eher philiströsen Zukunftsplänen
fühlt sich Wilhelm, wie es im Text heißt, „durch einen
heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit auf die
entgegengesetzte Seite getrieben. Er überzeugte sich, daß
er nur auf dem Theater die Bildung, die er sich zu geben wünschte,
vollenden könne [...]“.
Das
solchermaßen pauschal angesprochene Vorhaben wird in dem
darauffolgenden Kapitel, im dritten des 5. Buchs, sehr detailliert in
der Form eines Briefes an Werner entfaltet. Programmatisch schreibt
Wilhelm zu Beginn dieses Briefes: „Daß ich dir’s nur mit
einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das
war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht“.
Diese Absicht aber, so nun das entscheidende und für uns
auch etwas überraschende Argument von Wilhelm, kann er nur über
die Arbeit auf dem Theater, durch Kunst also, erreichen.
Einander
entgegengestellt werden nun im weiteren Verlauf dieses Briefes zwei
Modelle: das des Edelmanns, eines Manns von adliger Geburt also (1.)
und das des Bürgers (2.). Nur dem Edelmann ist in Deutschland,
so heißt es einleitend, eine „personelle Ausbildung
möglich“.
Seine ganze Existenz ist auf „die Darstellung seiner Person“
konzentriert. Er zeichnet sich aus durch „eine feierliche Grazie in
gewöhnlichen Dingen“ ebenso wie durch „eine Art von
leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen“.
In dieses Modell des Edelmanns sind, daran kann kein Zweifel sein,
etliche Spuren des Ideals vom Hofmann, wie es Castiglione in Il
libro del Cortegiano und die französische Hofpräzeptistik
des 17. Jahrhunderts entfaltet hatten, eingegangen.
Dem korrespondiert auch, daß dieses Ideal – gemessen daran,
daß es am Ausgang des 18. Jahrhunderts formuliert wird –
auffallend stark durch Selbstpräsentation bestimmt bleibt. Und
so kann es beim Ausspielen dieses Ideals auch nicht darum gehen, es
unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen durchzusetzen.
Wichtiger dürfte vorderhand sein, mithilfe dieses Ideals vom
Edelmann die Defizite der bürgerlichen Existenz vor Augen zu
führen: „Jener [nämlich der Edelmann, R.G.] darf und soll
scheinen; dieser [nämlich der Bürger, R.G.] soll nur sein,
und was er scheinen will, ist lächerlich oder abgeschmackt.
Jener soll tun und wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll
einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es
wird schon vorausgesetzt, daß in seinem Wesen keine Harmonie
sei, und sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise
brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen muß“.
Hier
nun wird ablesbar, daß der Edelmann insbesondere als Korrektiv
fungiert, um der Partikularisierung entgegenzuwirken, zu der alle
moderne Bildung, insofern sie Ausbildung ist, neigt. Angestrebt wird
hier, auch von Goethe, eine Überwindung dieser
Partikularisierung, eine „Harmonie“, die sicherlich in
großer Nähe steht zu dem, was Schiller als „Spieltrieb“
bezeichnet hatte. Und doch sind der Nähe zwischen Goethe und
Schiller auch Grenzen gesetzt. Dies möchte ich anhand einer
späteren Szene aus Wilhelm Meisters Lehrjahre verdeutlichen,
die zunächst einmal als bloße Einlösung des soeben
skizzierten Programms erscheint und von Schiller auch entsprechend
gelesen worden ist. Es geht dabei um den Anfang des 8. Buchs unseres
Romans, die Wiederbegegnung zwischen Wilhelm und Werner nach langer
Trennung. Diese Wiederbegegnung wird vom Erzähler des Romans
folgendermaßen vor Augen geführt:
Beide
umarmten sich aufs zärtlichste, und beide konnten nicht
verbergen, daß sie sich wechselweise verändert fanden.
Werner behauptete, sein Freund sei größer, stärker,
gerader, in seinem Wesen gebildeter und in seinem Betragen angenehmer
geworden.
Es
fehlte viel, daß Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf
Wilhelmen gemacht hätte. Der gute Mann schien eher zurück
als vorwärts gegangen zu sein. Er war viel magerer als ehemals,
sein spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase länger zu sein,
seine Stirn und sein Scheitel waren von Haaren entblößt,
seine Stimme hell, heftig und schreiend, und seine eingedrückte
Brust, seine vorfallenden Schultern, seine farblosen Wangen ließen
keinen Zweifel übrig, daß ein arbeitsamer Hypochondrist
gegenwärtig sei.
Wilhelm
war bescheiden genug, um sich über diese große Veränderung
sehr mäßig zu erklären, da der andere hingegen seiner
freundschaftlichen Freude völligen Lauf ließ. Wahrhaftig!
rief er aus, wenn du deine Zeit schlecht angewendet und, wie ich
vermute, nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen ein
Persönchen geworden, das sein Glück machen kann und muß.
Werner
ging um seinen Freund herum, drehte ihn hin und her, so daß er
ihn fast verlegen machte. Nein! nein! – rief er aus, so was ist mir
noch nicht vorgekommen, und doch weiß ich wohl, daß ich
mich nicht betrüge. Deine Augen sind tiefer, deine Stirn ist
breiter, deine Nase feiner und dein Mund liebreicher geworden. Seht
nur einmal, wie er steht! Wie das alles paßt und zusammenhängt!
Wie doch das Faulenzen gedeihet! Ich armer Teufel dagegen – er
besah sich im Spiegel – wenn ich diese Zeit her nicht recht viel
Geld gewonnen hätte, so wäre doch auch gar nichts an mir.
Es
fällt auf, wie homogen, geschlossen und widerstandslos die ins
Spiel gebrachten Zeichen zur Kenntlichmachung Wilhelms ebenso wie
Werners je für sich ineinandergreifen. Bruchlos sind die
jeweiligen Zeichen einerseits auf das „Persönchen“,
andererseits auf den „arbeitsame[n] Hypochondrist[en]“
zugeordnet. Die unterschiedliche Entwicklung – die Ausbildung zu
sich selbst auf der einen, die Perfektionierung geschäftlicher
Fähigkeiten auf der anderen Seite – hat sich in
mimisch-gestische und sogar in physiognomische Zeichen im engeren
Sinne: in einen veränderten Körperbau, gleichsam
unvermittelt eingeschrieben. Insofern hat die Opposition von
Selbst-Ausbildung und gewinnorientierter Lebensform, wie sie am
Anfang des 5. Buchs ins Spiel gebracht wird, ihr physiognomisches
Sigel erhalten. Die Dominanz des Scheinens über das Sein erhält
eine gleichsam feste Form.
Es
kann denn auch nicht verwundern, daß Schiller die zitierte
Gegenüberstellung von Wilhelm und Werner nachhaltig begrüßt
hat: „Was Sie über Wilhelms Äußerliches Wernern in
den Mund gelegt, ist von ungemein guter Wirkung für das Ganze“.
Er sieht die „Ökonomie des Ganzen“
eingelöst. Und das heißt eben auch: Für ihn ist kein
Zweifel daran erlaubt, daß Wilhelm den adäquaten, den
richtigen Weg gefunden hat.
Mir
ist wohl bewußt, daß die Goetheforschung auch heute sich
der Deutung Schillers weitgehend anschließt.
Es geht mir auch nicht darum, diese Deutung zu diskreditieren, wie es
Schlechta und May getan haben.
Ich möchte lediglich auf die Komplexität hinweisen, die
Goethes Präsentation eigen ist. Sie tritt hervor, sobald man die
romaneske Einbindung des Doppelporträts beachtet und sich damit
befaßt, daß es spiegelverkehrt in Szene gesetzt wird. Das
Porträt Wilhelms verdankt sich der direkten Rede Werners, das
Porträt Werners ist in der erlebten Rede, im ‘style
indirect libre’, verfaßt. Das aber heißt: Die
vermeintlich so homogene Sedimentierung der ästhetischen Bildung
verdankt sich dem Blick des „arbeitsame[n] Hypochondrist[en]“,
und das vernichtende Urteil über den Freund beruht auf der
Perspektive desjenigen, der ganz durch „Grazie“ bestimmt sein
soll. Damit aber wird Schillers unmittelbarer Rekurs auf die Worte,
die Goethe – vermeintlich als seine eigene Position – Werner
lediglich in den Mund gelegt hat, in eine komplexe Vielschichtigkeit
gerückt.
Die
entscheidende Akzentverschiebung, die sich für die inhaltliche
Bestimmung des Bildungskonzepts ergibt, liegt nun, so denke ich,
darin, daß Goethe in einem sehr grundlegenden Sinne gegen
programmatische Festlegungen skeptisch bleibt. Natürlich ist es
ihm ernst damit, eine Position wie die von Werner als partikular und
defizient zu verdeutlichen. Anders als Schiller es nahelegt, wird er
aber auch das Vorhaben Wilhelms nicht ohne ironische Brechungen
begleiten. Diese Partialisierung je vorgebrachter Positionen wird aus
einem Passus der Farbenlehre ablesbar, in dem es heißt:
Man
mag sich die Bildung und Wirkung der Menschen unter welchen
Bedingungen man will denken, so schwanken beide durch Zeiten und
Länder, durch Einzelheiten und Massen, die proportionirlich und
unproportionirlich auf einander wirken; und hier liegt das
Incalculable, das Incommensurable der Weltgeschichte. Gesetz und
Zufall greifen in einander [...]
Wenn
man aber „das Incommensurable“ als einen Schlüsselbegriff
für den Goetheschen Bildungsgedanken zu akzeptieren bereit ist,
dann gibt man damit Programme und Festlegungen auf, akzeptiert auch
eine Anschmiegung der Bildung an die Welt, in der sie statthat. Dies
soll nun nicht die Preisgabe des ja ins Zentrum gerückten
Korrektivgedankens der Bildung bedeuten, es soll aber die
Einbeziehung von Komplexität, Vielschichtigkeit und innerer
Widersprüchlichkeit zum Gegenstand machen.
5.
Hat
dies nun schon, um endlich den sicherlich lang erwarteten
Komplementärbegriff des Vortragstitels noch einmal aufzurufen,
mit „Postmoderne“ zu tun? Es liegt mir wirklich fern, Goethe für
die Postmoderne zu reklamieren. In einem nicht arbiträren Sinn
berührt sich aber die Bedeutung der Redeweise vom
„Incommensurablen“ wie Goethe sie einsetzt, mit der
entsprechenden Wortverwendung bei Lyotard,
der in Das postmoderne Wissen als eigentlichen Kern der
Postmoderne ausgibt, daß ein durch sie geprägtes Wissen
„unsere Sensibilität für die Unterschiede verfeinert“
und „unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen,
stärkt“.
So wird die „Einheitsobsession“,
von der Welsch gesprochen hat, jedenfalls nicht erst in der
Postmoderne, sondern schon von Goethe, wenn auch auf sehr subtile
Art, unterlaufen. Wenn Lyotard über den Begriff des
Inkommensurablen also tatsächlich einen Kerngedanken der
Postmoderne zum Konzept der Bildung formuliert, dann wird die
Postmoderne auf neue Art attraktiv. Und dies um so mehr, als sie, in
diesem Punkte, sich auf Goethe zu stützen vermöchte.
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